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Aus einem sehr alten «Poesiealbum»

(oder Neujahrswunsch des Redaktors)Vorläufer des «Poesiealbums», das selbst heute noch nicht ganz verschwunden ist, war das sogenannte «Stammbuch», ursprünglich, wie der Name es sagt, ein Verzeichnis von Familienangehörigen, seit der 2. Hälfte des 16. Jh. ein Freundschafts- oder Erinnerungsbuch, in das Freunde des Besitzers ihre Namen, Wappen und Wahlsprüche eintrugen.

Ein solches Stammbuch hatte auch Johann Wolfgang Goethes Enkel Walther Wolfgang. Im April 1825 – der Herr Grosspapa und Geheimrat war damals 76-jährig – schrieb eine hohe Dame vom Weimarer Hof, Wilhelmina Emilie Spiegel von und zu Pickelsheim, geb. Freiin von Rotberg, die Gemahlin des Hofmarschalls, in dieses Stammbuch den folgenden Spruch des romantischen Romanschriftstellers Jean Paul Friedrich Richter, als «Jean Paul» in die Literaturgeschichte eingegangen:

«Der Mensch hat hier dritthalb Minuten: eine zu lächeln, eine zu seufzen und ein halbe zu lieben; denn mitten in dieser Minute stirbt er.»

Das hat den alten Herrn und Grosspapa aus zwei Gründen geärgert: Einmal konnte er Jean Paul nicht ausstehen, er lehnte dessen Romane rundweg ab. Zu Lebzeiten der Herzogin-Mutter Anna Amalia (1739–1807) pflegte Goethe oft im hübschen Sommerschlösschen Tiefurt mit ihr zu Mittag zu essen, beklagte sich aber darüber, dass der dortige Koch allzu oft Sauerkraut vorsetze. Ein Zeitgenosse Goethes berichtet:

«Eines Tages, da man ihm wieder Sauer-kraut aufgetischt hatte, stand er voll Verdruss auf und ging in ein Nebenzimmer, wo er ein Buch aufgeschlagen und auf dem Tisch liegen fand. Es war ein Jean Paulscher Roman. Goethe las etwas davon, dann sprang er auf und sagte: Nein, das ist zu arg! Erst Sauerkraut und dann fünfzehn Seiten Jean Paul! das halte aus, wer will.»

Geärgert hat sich der besorgte Grossvater obendrein darüber, dass man einem sieben-jährigen Kind solch eine resignative, entmutigende Sentimentalität ins Stammbuch schreiben konnte! Das war ja förmlich Gift für eine kindliche Seele; dem war etwas Aufmuntern-des entgegenzusetzen! So schrieb Goethe unter den Jean Paulschen Spruch den folgenden Vierzeiler:

«Ihrer sechzig hat die Stunde,

Über tausend hat der Tag.

Söhnchen! werde dir die Kunde,

Was man alles leisten mag.»

Es sei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, überlassen, was Sie sich selber gleichsam als Wahlspruch fürs neue Jahr aus den beiden dichterischen Vorschlägen aussuchen wollen, ob Sie“s mehr mit der romantischen Melancholie oder mit dem Optimismus des Herrn Geheimrat halten wollen. Wir, Vorstand und Redaktor, erlauben uns bloss, Ihnen zu wünschen, das angebrochene Jahr gebe Ihnen mehr Anlass zu lächeln und zu lieben als zu seufzen. (ar)

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