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Was die Willensnation will

Mundart und Frühenglisch: Die helvetische Leitkultur wankt

Jetzt können wohl nur noch die Auslän der die Schweiz retten. In einer Zürcher Primarschule, die zu neunzig Prozent von Kindern fremdsprachiger Eltern besucht wird, muß seit drei Jahren auch auf dem Pausenhof deutsch gesprochen werden -hochdeutsch. Das Sprachengewirr war unerträglich geworden: Albanisch, Spanisch, Türkisch, Englisch. Sogar die Lehrer vermeiden untereinander den Dialekt. Die schulischen Leistungen seien besser geworden, die Pflichtsprache habe die Bezie hungen zwischen Lehrern und Schülern verbessert, erklärt die Schulleiterin. Besser wurde auch das Klima unter den Kindern, die sich in Sprachgruppen abgesondert hatten. Für sie ist die Pflichtsprache kein Problem.

Die Schule im Züricher Ausländerquartier ist eine Ausnahme. Die Maßnahmen haben keinerlei Vorwürfe der Grünen und Linken oder gar Debatten über die eidgenössische „Leitkultur“ ausgelöst. Eine solche gibt es in der viersprachigen Schweiz sehr wohl. Seit dem neunzehnten Jahrhundert sind ihre Grundsätze in der Verfassung verankert. Die Sorge um das friedliche Zusammenleben der vier Kultu ren gehört zum Kern des staatspolitischen Bewußtseins. Die von zwei Weltkriegen verschonte Schweiz versteht sich nicht als „Schicksalsgemeinschaft“ und kann sich auch nicht „ethnisch“ definieren. Sie fühlt sich als „Willensnation“. Ein Sprachen recht garantiert die Gleichberechtigung der vier Landessprachen, die Sprachenfreiheit und auch den Sprachenschutz.

Wenn es um Minderheiten und Menschenrechte geht, ist die Schweiz schnell bereit, ihre Neutralität zu überwinden und außenpolitisch aktiv zu werden. Sie hat die Sprachen-Konvention des Europarats unterzeichnet, der Frankreich wie Belgien die Zustimmung verweigerten. Frank reich ist der illusorischen Auffassung, es gebe, trotz Korsen und Bretonen, keine sprachlichen Minderheiten im Land. In Belgien wiederum können sich die Sprach gruppen nicht einigen, weil alle eine Min derheit sein wollen.
Zweimal hat der Europarat Schweizer Politiker nach Brüssel geschickt, um Vor schläge zur Lösung des Sprachenkonflikts zu erarbeiten. In einem Bericht über die nationalen Minderheiten in der Schweiz hielt der Europarat fest, das Land habe „auf vielen Gebieten besonders löbliche Anstrengungen unternommen“. Gemeint waren damit der institutionelle Rahmen und die politischen Maßnahmen zur Pfle ge und Weiterentwicklung der Sprachen und Kulturen. Das Jura-Problem – franzö sische Minderheit im deutschsprachigen Kanton Bern -, das der Schweiz einen an Terrorismus grenzenden Vandalismus beschert hatte, wurde mit der Gründung eines sechsundzwanzigsten Kantons beigelegt.

„Belgische Zustände“ konnte die Schweiz verhindern, weil die Grenzen zwi schen den Kulturen nicht mit jenen zwi schen den Konfessionen zusammenfallen und weil das soziale Gefüge wiederum ein ganz anderes ist. Gewaltige Spannungen hat es freilich immer wieder gegeben, zu_letzt in den neunziger Jahren in der Euro pa-Frage, als auch gemäßigte bürgerliche Politiker in den lateinischen Landesteilen von Sezession sprachen und sich einer Bürgerkriegsrhetorik bedienten. In fried licheren Zeiten kann man schnell den Ein druck von Gleichgültigkeit haben – Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt hatten sich nie besonders für die kulturelle Viel falt der Schweiz interessiert.

Zu den ungeschriebenen Gesetzen der eidgenössischen Leitkultur gehörte die Regel, daß als erste Fremdsprache eine Landessprache gelernt wird. Der Frontal angriff kam zur Jahrtausendwende aus Zürich, der wirtschaftlichen Hauptstadt. Geführt hatte ihn ausgerechnet der kanto nale Bildungsminister der liberalen Frei sinnig-Demokratischen Partei (FDP), die sich immer als besonders staatstragend empfunden hatte. Als erster Kanton führ te Zürich in der Primarschule „Früheng lisch“ ein. Weitere Kantone folgten. Die Minderheiten kritisierten das „Diktat aus Zürich“. „The End of Switzerland“ titelte die Genfer Zeitung „Le Temps“. Jean-Ma rie Vodoz, ein früherer Chefredakteur und wichtige Figur der „Frankophonie“, gründete nach französischem Vorbild eine Vereinigung gegen die Anglizismen im Französisch der Westschweiz.

Unter großen Anstrengungen konnte der Sprachfrieden mit einer komplizier ten Kompromißlösung wiederhergestellt werden. Bildungspolitiker erfanden das „Modell 3/5“. In der dritten Primarschul klasse (Alter der Schüler: neun Jahre) wird eine erste Fremdsprache unterrich tet, zwei Jahre später beginnt man mit einer zweiten Fremdsprache. Die Kanto ne entscheiden, welche das sein sollen. Vierundzwanzig von sechsundzwanzig Kantonen stimmten 2004 diesem Kompro miß zu. Er hat keine zwei Jahre gehalten.

Nicht nur der „Kantönligeist“ ist zu einer Bedrohung für die Schweiz geworden. Noch vor zwei Jahrzehnten lernten die jungen Schweizer in der Primarschule überhaupt keine Fremdsprache. Dafür stand es sehr viel besser um das Deutsche, das „Hochdeutsche“. Inzwischen wird es sogar für die Deutschschweizer zur Fremd sprache. Die Mundart verbreitet sich wie ein Krebsgeschwür. E-Mails und SMS wer den im Dialekt geschrieben. In zwölf kan tonalen Parlamenten wird Mundart ge sprochen, die auch für gedruckte Texte verwendet wird. Landkarten sollen in Zu_kunft „extremmundartlich“ beschriftet werden. Das meistverkaufte Kinderbuch ist Saint-Exuperys „Der chly Prinz“. Das Fernsehen sendet seit ein paar Wochen den Wetterbericht in Mundart, in den Schulen geht die Tendenz in die gleiche Richtung – im Klassenzimmer -.

Es ist schlecht bestellt um die Sprachenvielfalt. Das Rätoromanische existiert durch seine künstliche Beatmung und ver fügt dank der Subventionen wahrschein lich über die größte Schriftstellerdichte weltweit. Die totale Marginalisierung des Italienischen scheint niemanden mehr zu kümmern. Doch wegen des Verfalls des Hochdeutschen schlagen nun plötzlich die Vertreter der wirtschaftlichen Elite Alarm. Die Schweiz sei mit ihren einhei mischen Arbeitskräften nicht mehr wett bewerbsfähig. Bei der Pisa-Erhebung hat das Land, in dem „Frühenglisch“ und Mundart die Kultursprachen verdrängen, im Bereich des Lesens besonders schlecht abgeschnitten. Als das „Forum Helveti cum“ die katastrophalen Resultate einer nationalen Bestandsaufnahme publizier te, haben praktisch nur die Medien in der Westschweiz darüber berichtet.

„Unser Verhältnis zum Hochdeutschen ist weniger ein Fall für die Pädagogen als für den Psychiater“, schrieb soeben „Das Magazin“. Mit der Mundart können sich die Deutschschweizer von den Deut schen, die immer zahlreicher in die Schweiz kommen, abschotten. Ihre Ver breitung ist auch für die Tessiner und die Westschweizer ein Ausdruck der Ableh nung. Angesichts der schleichenden Pro vinzialisierung als Reaktion auf die Globa lisierung können offensichtlich nur noch die Ausländer die bedrohte Leitkultur und Weltläufigkeit der Schweiz retten.

Als man in den Kindergärten für die fremdsprachigen Kids Deutschkurse zur Assimilierung einführte, merkte man, daß davon auch die einheimischen Kinder profitieren. Es gibt .trotz der kommenden Abstimmungen Zeichen der Umkehr, ja der Hoffnung. Gebessert hat sich die Beherrschung des Hochdeutschen schon bei den Kindern, die RTL und Sat.1 schauen.

Jürg Aktwegg in der F.A.Z. am Donnerstag, 2. März 2006

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