Kritik an Sprachenpolitik der EU

Der Romanist und Linguist Jürgen Trabant kritisierte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Sprachenpolitik der EU, welche zur Abnahme und zum Prestigeverlust der Nationalsprachen führen könne. Zwar würdigen die Charta der Grundrechte der Europäischen Union sowie Mitteilungen aus den Jahren 2005 und 2008 Mehrsprachigkeit und der Vertrag von Lissabon von 2007 stellt fest, die EU wahre „den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas“.

In der Praxis sehe es anders aus: Die EU wandelte das Sprachen-Kommissariat in eine Unterabteilung eines unbedeutenden Kultur-Kommissariats um, nachdem der Sprachkommissar neben der offiziellen sprachpolitischen EU-Empfehlung, nach der jeder Europäer drei Sprachen lernen soll, eine „Adoptiv-Sprache“ empfohlen hatte. Denn die Europäer lernten in der Regel neben ihrer Muttersprache nur Englisch, da diese zur Verständigung ausreichte und die Engländer lernten meistens keine Fremdsprache, so dass die EU-Empfehlung nicht umgesetzt wurde. Die nationalen Regierungen der EU haben ihn daraufhin „kaltgestellt“.

Trabant erklärte: „Es kann nicht übersehen werden, dass in vielen Staaten Europas, vor allem in den Ländern Nordeuropas und in Deutschland, eine Politik der sprachlichen Vereinheitlichung des Kontinents betrieben wird.“ Vom Englischen im Kindergarten bis zur Universität finde eine mächtige Anglisierungskampagne durch die nationalen Erziehungsinstitutionen statt. Die Propaganda sei ökonomisch geprägt und global.

Trabant spielt die Weiterentwicklung der sprachlichen Zukunft durch und veranschaulicht, dass eine Diglossie absehbar sei: „Wie im Mittelalter (gesellschaftlich und kulturell) oben Latein und unten die Volkssprachen (Vulgare) gebraucht wurden, so wird jetzt oben, in den hohen und wichtigen Diskursen, zunehmend die Hohe Sprache Englisch verwendet, unten, im Alltag und bei weniger wichtigen Redeanlässen, die alten Nationalsprachen.“

Durch den Prestigeverlust der Nationalsprachen fielen diese „zurück in den Zustand der Vernakularsprache, also ,niederer‘ Alltagssprache, aus dem sie sich seit dem 16. Jahrhundert gegen das Hohe Latein gerade erfolgreich emporgearbeitet hatten.“ Denkbar sei auch eine völlige sprachliche Vereinheitlichung.

Trabant plädiert für eine funktionale Aufteilung zwischen dem Englischen und den anderen Sprachen, welche die alte Europäität nicht zerstöre.

Quelle: VDS-Infobrief, Woche 42

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1 Antwort

  1. Rennie sagt:

    Die Entwicklung hin zu einer Dominanz des Englischen als Verkehrssprache ist wohl nicht aufzuhalten.
    Im Tourismus wird immer mehr davon ausgegangen, dass die Kundschaft sich auf Englisch verständigt, wenn sie die Landessprache nicht spricht. Die Niederländer fielen früher durch ihre Gewandtheit im Englischen, Deutschen und z.T. auch im Französischen auf, die jüngeren Leute begnügen sich immer mehr mit Englisch, vielleicht von den Grenzregionen abgesehen. Das scheint auch für Ungarn zu gelten. In Westungarn, rel. nahe zu Österreich und in Gebieten mit vorwiegend deutschsprachigen Touristen, kommt man mit Deutsch gut durch; viele Ungarn sprechen dort sogar ausgezeichnet Deutsch. In Budapest gilt das nicht mehr: Zwar sind die Englischkenntnisse meistens bescheiden, Fertigkeiten in Deutsch jedoch kaum vorhanden. Einziger Trost: Wer Deutsch spricht, spricht es meistens auch gut.
    Schuld an dieser Entwicklung sind maßgeblich die Deutschen selbst: Sie haben selbst ihre Sprache in der Wirtschaft abgewertet und setzen Deutsch in der EU nur ungenügend durch.
    Auch im universitären Bereich wird das Englische gefördert. Manche Kurse finden nur auf Englisch statt, bei Tagungen und Konferenzen wird zunehmend auf Mehrsprachigkeit verzichtet. Das gilt übrigens auch für die Schweiz.