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Sprachtag.02

(me) Der Sprachtag.02 des Sprachkreises Deutsch wurde in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache (SVDS) abgehalten. Bewusst wählten wir diesmal einen etwas kleineren Rahmen und als Austragungsort die Expo-Stadt Biel. Als Referent war Dr. Urs Moser, Universität Zürich, Kompetenzzentrum für Bildungsevaluation und Leistungsmessung, eingeladen worden. Nachdem die Präsidenten der beiden Vereinigungen, Peter Zbinden und Johannes Wyss die Anwesenden begrüsst hatten, sagte Dr. Moser einleitend, dass bei uns seit etwa einem halben Jahr das Wort Pisa nicht mehr bloss auf die Stadt mit dem berühmten schiefen Turm bezogen wird, sondern auch auf die ernüchternden Ergebnisse über die schulischen Leistungen von Schweizer Schülern. PISA, ein Akronym für „Programme for International Student Assessment“, wird nun als Schlagwort von den verschiedensten Kreisen im Bildungswesen benutzt – vom Kindergarten bis zur Hochschule. Aber auch Wirtschaft und Politik kommen nicht an dieser Studie vorbei. – PISA ist ein Programm, das bis ins Jahr 2008 geplant ist. Geprüft werden von der OECD alle drei Jahre Grundkompetenzen von 15jährigen Jugendlichen, die für das spätere Leben von Bedeutung sind: Rechnen, Lesen und einige Kenntnisse von Naturwissenschaften. Die Kandidaten sollen „für das Leben gerüstet sein“. Pro Land werden dafür 150 Schulen ausgewählt; in der Schweiz nahmen 10 000 junge Menschen aus allen Sprachregionen teil.

Die geprüften Jugendlichen werden in fünf Kompetenzbereiche unterteilt, wobei 5 die höchste Stufe darstellt. In der Schweiz erreichten beim Textverständnis etwa 30 Prozent das Niveau 4 oder 5, sieben Prozent verstanden den Text überhaupt nicht, 13 Prozent kamen lediglich auf die Stufe 1. Für das schlechte Abschneiden ist zweifellos der hohe Ausländeranteil an unserer Bevölkerung mitschuldig. Wenn ausschliesslich die Schweizer Schüler berücksichtigt werden, steht unser Land in der Mathematik an der Spitze. Ausländerkinder in der Schweiz liegen indessen weit zurück. Dabei bestehen grosse Leistungsunterschiede zwischen Kindern, die zu Hause die Unterrichtssprache verwenden und denjenigen, die dort in ihrer Muttersprache reden. Ausländerkinder in der Schweiz stammen jedoch zumeist aus andern Ländern als beispielsweise Emigranten in Kanada oder Australien, die beide zur Spitzengruppe innerhalb der Studie gehören, und Englisch ist eben leichter zu erlernen als Deutsch.

PISA erachtet es für sehr wichtig, die Effizienz von Bildungsunternehmen zu untersuchen. Es zeigte sich, dass der Lernerfolg nur indirekt mit dem finanziellen Aufwand zusammenhängt – unser föderalistisches Schulsystem ist sehr teuer! Weltweit stellte man fest, dass die Lesefähigkeit in Privatschulen höher ist als in den staatlichen. Doch auch hier muss zwischen Inländern und Ausländern unterschieden werden.

Dr. Moser stellt nun die rhetorische Frage, was für Folgerungen gezogen werden könnten, wenn jedes Untersuchungsergebnis stets wieder relativiert werden muss. Für unser Land ist es von grosser Bedeutung, dass auch Kinder aus Ausländerfamilien beruflichen Erfolg haben. Die Förderung muss so früh als möglich beginnen; das Ziel ist, die Unterrichtssprache mündlich und schriftlich vollständig verstehen zu können. Die Muttersprache soll dabei aber nicht vernachlässigt werden. Als Ergänzung müssen sozialpolitische Massnahmen hinzutreten, so etwa die Errichtung von Tagesschulen, die bei uns eine Ausnahme darstellen, in andern Ländern jedoch die Regel sind. – Wenn manchmal befürchtet wird, dass Leistungsdruck sich nachteilig auf das Schulklima auswirkt, hat die Erfahrung gezeigt, dass dieses in leistungsorientierten Schulen meistens besonders gut ist. Der Leistungsdruck darf allerdings nicht ein Mass erreichen, wie es in Japan vorkommt.
Abschliessend meinte der Referent, dass das Spitgzenergebnis von Finnland in der PISA-Studie schwer zu erklären ist. Das hervorragende Abschneiden der finnischen Kinder ist bestimmt nicht durch den grösseren Verzehr von Fischen und die zum Studieren einladenden langen Abende bedingt!

In der anschliessenden Diskussion wird die Frage gestellt, ob die Studie zwischen der Deutschschweiz und der Romandie Unterschiede festgestellt hat. Dr. Moser sagt dazu, dass eine signifikante Differenz kaum auszumachen sei -. Eine Teilnehmerin weist darauf hin, dass für Ausländerkinder das Erlernen der Mundart neben der Standardsprache eine zusätzliche Belastgung darstellt. – Sehr vehement ereifert sich einer der Anwesenden über die Jugendsprache. Der Referent erwidert darauf, dass die unter Jungen sehr verbreitete SMS-Kommunikation die sprachliche Ausdrucksfähigkeit bestimmt nachteilig beeinflusst. Aber andereseits haben sich junge Menschen seit jeher durch eine besondere Sprache abgegrenzt. – Dr. Moser zeigt sich erstaunt, dass hier und auch anderswo so wenig Kritik an der PISA-Studie geübt wird. Denn Pisa ist lediglich eine Bestandesaufnahme und gibt keinerlei Hilfe, wie man Missständen begegnen könnte. Finnland steht zwar, was schulische Leistungen anbelangt, an der Spitze, verzeichnet aber die höchste Suizid-Rate unter Jugendlichen. Und in dieser Hinsicht haben wir glücklicherweise in unserem Land bessere Verhältnisse.

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