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Warum eigentlich nicht auf Deutsch? Einsatz für die deutsche Sprache

Seine Mission ist die deutsche Sprache. Unbeirrbar schlägt Dietrich
Voslamber sich einen Pfad durch die europäischen Institutionen, um der deutschen Sprache den Rang zu verschaffen, der ihr seiner Ansicht nach gebührt. Als der am weitesten verbreiteten Muttersprache müsse Deutsch eine größere Rolle spielen, findet der pensionierte Physiker. Seit zwei Jahren kämpft er dafür, dass die Internetseiten der Ratspräsidentschaften auf Deutsch erscheinen – mit Erfolg: In Brüssel finden seine Argumente jetzt Gehör.

Von Katharina Strobel, Brüssel

Für Dietrich Voslamber ist der Fall ganz klar. Weil Deutsch die in der EU am häufigsten gesprochene Muttersprache ist, soll ihr bei Internetauftritten eine entsprechende Beachtung zukommen. Während das Europaparlament und die Kommission ihren Netzaauaftritt in den 20 offiziellen Amtssprachen gestalten, beschränken die Ratspräsidentschaften, die jeweils ein EU-Staat für sechs Monate innehat, ihre Präsenzen auf ihre eigene Sprache, plus Englisch und Französisch.

Genau hier sieht Dietrich Voslamber das Problem: „Wenn die
Ratspräsidentschaften sich aus Kosten- und Personalgründen auf zwei
Sprachen beschränken müssen, müssten diese Sprachen Englisch und Deutsch
sein, denn sie erreichen die meisten Menschen in Europa.“ Dass die
Ratsvorsitzenden der vergangenen anderthalb Jahre (Niederlande,
Luxemburg, Großbritannien), die Voslamber bisher angesprochen hat, seiner
Argumentation nicht folgen mögen, hält den pensionierten Physiker nicht
davon ab, seine Mission weiter zu verfolgen. Im Gegenteil, die
Unfähigkeit der Vertreter der Ratspräsidentschaften, Voslambers Fragen
nach der Begründung der Sprachauswahl nachzukommen, beflügeln den
promovierten Wissenschaftler.

Politische Sprachenschlacht?

Seit zwei Jahren befindet der Wahl-Freiburger sich im Schriftwechsel
mit diversen Organen der EU und Vertretern der Ratspräsidentschaften.
Dutzende Seiten umfasst der Schriftwechsel bislang – ein Ende ist noch
nicht abzusehen. Immerhin hat Dietrich Voslamber, der im Namen des
Vereins Deutsche Sprache kämpft, einen wichtigen Erfolg erzielt: Der
europäische Bürgerbeauftragte nimmt sich seines Falles an. Das könnte zum Ergebnis haben, dass das Europaparlament sich mit dem Thema befasst. […]

Wie sehr die Landessprachen und ihre Verwendung auf EU-Ebene die
politischen Gemüter bewegt, zeigte sich erst auf dem jüngsten
Gipfeltreffen wieder. Der französische Staatspräsident
verließ empört eine Gesprächsrunde, weil einer seiner Landsmänner es
vorzog, auf Englisch anstatt auf Französisch zu sprechen. Wie würde
Chirac erst reagieren, wenn die Ratspräsidentschaften künftig auf eine
französische Übersetzung verzichten und stattdessen auf Deutsch
erscheinen würden?

Englisch und Französisch dominieren

Nach Meinung von Dietrich Voslamber, der dem Verein Deutsche Sprache
ursprünglich beitrat, um die Ausbreitung von Anglizismen im deutschen
Wortschatz zu stoppen, hielten die Deutschen sich zu lange mit einer
Sprachenpolitik zurück. „Als die Briten und Iren 1973 der EU beitraten,
stellten die Franzosen die Bedingung, dass alle für die EU-Institutionen
arbeitenden Briten und Iren Französisch lernen. Die Deutschen stellten
keine Bedingungen“, so Voslamber. Das Resultat: Englisch und Französisch
etablierten sich als die Sprachen der Institutionen. Auch die
Internetpräsenzen der Ratspräsidentschaften orientieren sich an dieser
Tradition – eine Vorschrift gibt es nicht.

Dem Treiben will Dietrich Voslamber ein Ende bereiten: „Ganz
offensichtlich beruht die ausschließliche Begünstigung von Englisch und
Französisch auf der internen Sprachenpraxis der EU-Institutionen. Diese
Praxis hat jedoch kein demokratisches Fundament, sondern erklärt sich
aufgrund historischer Entwicklungen in der Nachkriegszeit“, schreibt er
in einem seiner zahlreichen Briefe an die Organe der EU. Er will
erreichen, „dass bei den für die europäische Öffentlichkeit bestimmten
Veröffentlichungen die Sprachen entsprechend ihrem demographischen Gewicht
ausgewählt werden.“

Empfehlung des Bürgerbeauftragten

Den europäischen Bürgerbeauftragten hat
Dietich Voslamber von seinen Argumenten überzeugt. Diamandouros empfiehlt
dem Rat, seine Sprachenpolitik zu überdenken – bis Ende Juni hat der Rat
Zeit dazu. Entweder nimmt er die Empfehlung des Bürgerbeauftragten an und
sorgt dafür, dass die Netzseiten der Ratspräsidentschaften künftig auch
auf Deutsch erscheinen – oder er entzieht sich der Empfehlung. In dem
Fall bleiben dem Bürgerbeauftragten zwei Möglichkeiten: den Missstand
festzustellen und den Fall damit abzuschließen – oder das Europaparlament
einzuschalten.

Wie auch immer der Rat sich entscheidet, Dietrich Voslamber kann sich
schon jetzt auf die Schulter klopfen. Nicht nur, weil er die
Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Bedeutung der deutschen Sprache
als der in der EU am weitesten verbreiteten Muttersprache gelenkt hat. Er
verweist auch auf die Schwachstellen einer Union, die ein mangelndes
Interesse und Engagement der Europäer an ihren Aktivitäten stets
bemängelt. Wer die Bürger in einer ihnen fremden Sprache anspricht und
ihre Anfragen, wie die des Dietrich Voslamber, nicht ernst nimmt, braucht
sich über ein ausbleibendes Publikum nicht zu wundern.

Hintergrund:

Als Erst- und Zweitsprache von rund 125 Millionen Menschen gehört Deutsch
zu den bedeutendsten Sprachen weltweit. In Europa sprechen über 100
Millionen Menschen Deutsch als Muttersprache; in sieben europäischen Ländern
– Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien, Luxemburg, Italien und
Liechtenstein – ist sie einzige oder regionale Amtssprache. Hier nimmt die
deutsche Sprache nach wie vor einen bedeutenden Rang als regionale
Verkehrssprache ein.

Anteil der Muttersprachler an der EU-Bevölkerung:

Deutsch: 24 Prozent
Englisch: 16 Prozent
Französisch: 16 Prozent
Italienisch: 16 Prozent
Spanisch: 11 Prozent
Niederländisch: 6 Prozent

ZDF vom 10. April 2006 (Bearbeitung skd)

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