Chaos in der Rechtschreibung

Warum die Reform der Orthographie-Reform kaum Bestand haben wird

Am 1. August ist auch in der Schweiz die dritte Fassung der reformierten Rechtschreibung in Kraft getreten. Nach Ansicht des Autors sind die angepassten Regeln aber höchst unbefriedigend.

Hans Ambühl, Generalsekretär der Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK), nannte die erneuten Änderungen der Reform der Rechtschreibreform «marginal». Wenn das Wort ernst genommen wird, treffen die Neuerungen also den Rand (lateinisch margo) der Neuregelung, nicht ihren Mittelpunkt. Das ist falsch. In Wahrheit sind nun alle Wörterbücher unbrauchbar, welche die EDK erst im letzten Sommer für verbindlich erklärt hatte. Abgesehen von dieser Beschönigung muss die EDK den Vorwurf annehmen, dass sie das neue Regelwerk, das der Rat für deutsche Rechtschreibung im Februar vorlegte, ohne echte inhaltliche Prüfung billigte; sie folgte einfach der deutschen Kultusministerkonferenz.

Kritik in Deutschland

Beurteilen kann man die Regeländerungen erst jetzt, da ihre Umsetzung vorliegt. Neben dem neuen Wahrig sind das ein neuer Duden und eine Neuauflage des an sich bewährten Lehrbuches «Richtiges Deutsch». Die Verantwortlichen, Sabine Krome (Wahrig), Matthias Wermke (Duden) und Peter Gallmann («Richtiges Deutsch»), sind Mitglieder des Rates für deutsche Rechtschreibung; von ihnen darf die massgebliche Anwendung der überarbeiteten Regeln erwartet werden. Das Ergebnis aber ist fragwürdig. Wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung festhält, wurden zwar weitere Fehler der Reform beseitigt, aber auch dieser dritte Versuch wird kaum Bestand haben, schreibt doch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: «Die erfolgte Reform der Rechtschreibreform ist zwar sehr zu begrüssen. Doch enthält das Ergebnis noch so viele gravierende Mängel, dass auf seiner Basis die Wiederherstellung einer überwiegend einheitlichen Schreibung nicht gelingen kann. Es empfiehlt sich daher keineswegs, es bei dieser noch durchaus unbefriedigenden Lösung zu belassen und sie als längerfristig gültig anzusehen. Dadurch würden die notwendigen weiteren Reformen sehr erschwert.»

Im Herbst 2004 verlangte Nationalrätin Kathy Riklin (cvp.) mit einem Postulat vom Bundesrat, dass er sich für einen «breiten Konsens in der Rechtschreibreform» einsetze. Mitunterzeichner waren über zwanzig Ratsmitglieder, unter ihnen die neue Bundesrätin Doris Leuthard. Der Bundesrat stimmte zu: «Notwendig ist namentlich eine Änderung des Regelwerkes, durch welche die mit der Reform beseitigten Bedeutungsdifferenzierungen durch Zusammen- und Getrenntschreibung wieder eingeführt werden.» Als Werner Hauck, der im Rat für deutsche Rechtschreibung die Bundeskanzlei vertritt, das überarbeitete Regelwerk vorstellte (NZZ 16. 2. 06), unterstrich er, dass nun unterschiedliche Wortbedeutungen wieder sichtbar gemacht werden sollen, zum Beispiel sitzen bleiben (nicht aufstehen), aber sitzenbleiben (nicht versetzt werden).

Der Rat liess freilich solche Unterscheidungen in vielen Fällen nur als Variante zu; mehr war nicht möglich, da die Anhänger der Reform in der Überzahl sind und für Beschlüsse eine Zweidrittelmehrheit nötig ist. In dieser Flut von Varianten geben die verschiedenen Bücher Empfehlungen ab. Im Wahrig sind es 52, im Duden, gelb unterlegt, 3000. Entscheidend ist nun, dass Duden und Gallmann vorwiegend zur mechanischen, reformierten Trennung raten. Zu Bildungen wie sitzenbleiben steht im Duden: «Die Grundrege l, nach der zwei Verben getrennt geschrieben werden, ist so eindeutig und einfach, dass wir ihre Anwendung auch bei übertragenem Gebrauch empfehlen.» Auch die Erziehungsdirektoren haben mitgeteilt, dass sie, wo es möglich ist, an den reformierten Regeln festhalten werden: «Da die Veränderungen des Rates in erster Linie mehr Varianten-Schreibungen zulassen, kann in der Schule teilweise die bisherige Regel weiter vermittelt werden.» Wenig Spuren von Konsens.

Varianten, Willkür, keine Einheitlichkeit

Im Wahrig wird zum Eintrag «Pflanzen fressend auch: pflanzenfressend» angemerkt: «Da die Verbindung gemäss Schreibgebrauch und Bedeutung als zusammengehöriges Adjektiv empfunden wird, empfiehlt sich die Zusammenschreibung: pflanzenfressende Tiere.» Das hat es noch nie gegeben, dass Wörterbücher Schreibweisen aufnehmen, die der Bedeutung und dem Schreibgebrauch widersprechen, also falsch sind, so dass die richtigen als angebliche Varianten beigefügt und empfohlen werden müssen. Im Duden ist bei der Erläuterung einer neuen Regel folgende Warnung nötig: «In Fällen wie volltanken ist die nach den Regeln nicht ausgeschlossene Getrenntschreibung ungebräuchlich.» In der Ausgabe vom August 2004 aber war genau dieses ungebräuchliche «voll tanken» gebräuchlich. Im Gegenzug zu den reformierten Trennungen finden sich neu ganz unübliche Zusammenschreibungen: «Blumen sprechenlassen», «warten, bis man schwarzwird». Auch das ist reine Willkür. Hinzu kommt, dass Krome, Wermke und Gallmann verschiedene Varianten empfehlen und die Regeln unterschiedlich auslegen. Überdies sind die drei Werke stark fehlerhaft. So fehlt den Darstellungen der neusten Rechtschreibung in Wörterbucheinträgen, Begleittexten und Beispielsätzen die Einheitlichkeit (vgl. Tabelle).

Der Vorsitzende des Rechtschreibrates, alt Staatsminister Hans Zehetmair, schrieb dem neuen Wahrig ein rühmendes Vorwort und nannte es eine primäre Aufgabe des Rates, die Einheitlichkeit der Rechtschreibung zu wahren. Nach Erscheinen des neuen Dudens änderte er seine Meinung und sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Einheitlichkeit per se war gar nicht das Ziel.»

Wie weiter?

Gemäss Generalsekretär Ambühl wird im Herbst eine Handreichung für Lehrkräfte vorliegen, die auch einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Das aber stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Die EDK hat nicht die Öffentlichkeit über Sprache zu belehren, sie muss dafür sorgen, dass den Schülern das beigebracht wird, was einer an Sprache interessierten Öffentlichkeit im Laufe der Geschichte eingeleuchtet hat, was üblich und sprachrichtig ist. Dafür ist auch das dritte amtliche Regelwerk keine Grundlage. Vor kurzem haben sich Vertreter verschiedener Zeitungen und literarischer Verlage auf der ersten Tagung der Schweizer Orthographischen Konferenz zusammengefunden, um die Lage zu besprechen. Die Wiederherstellung geordneter Verhältnisse wird viel Zeit brauchen. Die EDK kann den Weg dafür freimachen, indem sie auf ihren Entscheid zurückkommt und die Lage neu beurteilt. Der Rat für deutsche Rechtschreibung muss in anderer Zusammensetzung, unabhängig von Verlagen und ohne politische Vorgaben arbeiten.

Stefan Stirnemann in der NZZ vom 4. August 2006
(Der Verfasser ist Lehrer am Gymnasium Friedberg im sankt- gallischen Gossau und vertritt in der Arbeitsgruppe der Schweizer Orthographischen Konferenz den Sprachkreis Deutsch).

Hier nun die versprochene Tabelle
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